Deutschland ist reich an landschaftlichen Schönheiten und historischen Erinnerungen. Landschaftliche Höhepunkte unserer Heimat sind vor allem die Flusstäler, die mit ihrer im Wechsel so reizvollen natürlichen Gestalt vielfältige geschichtliche Erinnerungen verbinden. An den Ufern der Flüsse haben sich von der Vorzeit bis zur Gegenwart historische Ereignisse abgespielt, die den Gang der deutschen Geschichte entscheidend mitbestimmt haben.

Von friedlichen und kriegerischen Taten künden Burgen und Schlösser, Kirchen und Bürgerbauten an den Ufern der Saale, erzählen Urkunden, die sich erhalten, und Sagen, die sich von Mund zu Mund fortgepflanzt haben, im IImtal, wo auch Goethes Wirken und das humanistische Streben der deutschen Klassik erinnerungsreiche Spuren hinterlassen hat.

Weniger bekannt ist die Unstrut, der dritte, historisch aber bedeutendste Fluss Thüringens. Das Tal der Unstrut liegt abseits von den belebten Verkehrswegen, den großen Industriestädten und den geistigen Zentren inmitten Deutschlands. Dass im Norden Thüringens, jenseits von Weimar, Erfurt und Eisenach, ein Land mit Bergen, Wäldern, Flüssen und Städten, ein Land voll Geschichte und Romantik und ein Flusstal von eigenartiger Schönheit liegen, war bis zur Erfindung des Autos fast unbekannt.

Das Unstruttal ist ein stilles Tal, dessen Gesicht von der Natur, von der Landwirtschaft und vom Bild kleiner Städte und Dörfer geprägt wird, in dem zwar in den letzten Jahrzehnten vielfältige Gewerbe und auch einige Großbetriebe der Industrie eingezogen, aber nicht bestimmend sind. Es ist ein schönes Stück Erde, durch das sich der Fluss sein Bett gegraben hat. In vielen Windungen zieht er durch weite Ebenen, an saftigen Wiesen und fruchtbaren Äckern, bewaldeten Höhen und Weinbergen vorüber.

Seine Landschaft ist nicht großartig, eher lieblich und anmutig. Wer vom erhöhten Ufer den Blick ins Tal schweifen lässt, ist entzückt von der Schönheit, die sich ihm bietet. Sie ist im Frühling, wenn die Sonne ihre Strahlen über zartes Grün und bunte Blüten ergießt, nicht minder eindrucksvoll als im Herbst, wenn auf den Feldern der Erntesegen steht und in den Weinbergen die Reben leuchten.

Was das Unstruttal so reizvoll macht, ist der ständige Wechsel der Landschaft. Aus dem Schatten dichter Laubwälder senken sich Wanderwege ins sonnige Tal, um wieder aufzusteigen zu felsiger Höhe, von der sich ein prächtiger Fernblick bietet. Es gibt Aussichtspunkte, wo das Auge des Wanderers von den Harzbergen bis zum Inselsberg, vom Kyffhäuser bis zu den Domtürmen von Erfurt und den Drei Gleichen bei Arnstadt schweift. Ist es ein Wunder, dass die Menschen, die in diesem Tal wohnen und schaffen, ihre Heimat lieben? Sie verstehen es, dass jeder, der zum ersten Mal hierher kommt, überrascht ist von der Fülle der landschaftlichen Schönheiten, die er hier antrifft.

Kein Dichter hat sie noch gefeiert, kein Sänger besungen, kaum ein Maler im Bild festgehalten. Wer erst einmal im Unstruttal gewandert ist, kommt nicht wieder von ihm los; er kehrt zurück, um immer neue Schönheiten zu entdecken, neue Reize, neue Anziehungspunkte zu finden, die zum Verweilen, zum Schauen und zum Erholen einladen. Und kaum anderswo hat die Geschichte so viele und so bedeutende Spuren ihres Werdens und Wirkens hinterlassen, kaum anderswo reicht sie so weit in die Vergangenheit zurück wie an den Ufern der Unstrut. Uraltes Kulturland ist es, durch das der Fluss seinen Lauf nimmt; Berge und Täler, Felsen und Fluren waren Stätten großer historischer Begebenheiten. Jahrtausende werden lebendig , wenn wir mit offenen Augen und Sinnen durch die Gegend wandern. Dicht beieinander liegen die Stätten, die-von der Völkerwanderung bis zu den Befreiungskriegen-Schauplätze bedeutender Ereignisse waren: die Freie Reichsstadt Mühlhausen, das mittelalterliche Langensalza, die vorgeschichtlichen Wallburgen und späteren Feudalburgen an der Thüringer Pforte, Heldrungen, in dessen Schloss Thomas Müntzer gefangengehalten wurde, die Klöster der Goldenen Aue, der Wendelstein, die Kaiserpfalz und die Klosterruine Memleben, Burgscheidungen, wo das Thüringenreich zusammenbrach, und die Jahnstadt Freyburg mit der Feste der Thüringen Landgrafen, der Neuenburg.

Mittelalterliche Stadtbilder erzählen vom Wirken ungezählter Geschlechter, die ihre Kultur und ihren Schönheitssinn im Straßenbild und in den Bauwerken ihrer Umwelt hinterlassen haben. Orts-und Flurnamen künden von Ereignissen, die sich im Dunkel der Vorzeit verlieren. Die Unstrut ist die Hauptwasserader Nordthüringens. 189 km misst ihr Lauf, die Quelle liegt 368 m, die Mündung 105 m über Meereshöhe. Ihr Einzugsgebiet ist umfangreicher als das aller anderen Thüringer Flüsse; es reicht vom Harz, von dem ihr die Helme zufließt, über das gesamte Thüringer Becken bis zum Thüringer Wald, der ihr mit anderen Nebenflüssen die Wasserreiche Gera schickt. Das Flusssystem der Unstrut umfasst, vom nördlichsten Punkt gemessen, 111 km, einen vollen Breitengrad.

Da sich die meisten Gewässer Innerthüringens in der Unstrut sammeln, kann man sie getrost den Hauptfluss Nord- und Mittelthüringens nennen, dem eine ähnliche Stellung zukommt wie der Saale im östlichen Thüringen. Im Bereich ihrer Mündung kommt die Unstrut auf sachsen-anhaltinisches Gebiet. Sie durchbricht die Freiburger Muschelkalkplatte und ergießt sich in das Tal von Großjena. Im Angesicht der Domstadt Naumburg vereinigt sie sich mit der Saale. Das Quellgebiet der Unstrut ist der Strutgraben oberhalb des eichsfeldischen Dorfes Kefferhausen, westlich von Dingelstädt.

Hier sprudeln mehrere Bäche aus der Erde und vereinigen sich zu dem Fluss, der von seinem Ursprung ab Unstrut genannt wird. „ Strut “ vom althochdeutschen „ struot“ herkommend, ist der Name eines Gewässers, sei es eines stehenden oder eines fließenden. Seit den Untersuchungen Professor Größlers hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass „un“ als Steigerung und Verstärkung des Grundbegriffs „zu böser Bedeutung“ aufzufassen ist, „so auch Unstrut eine böse, üble, unangenehme Strut“.

Das heißt, der Fluss hat seinen Namen von dem sumpfigen Tal bekommen; durch das er seit Urzeiten seinen Lauf nimmt und das er durch Überschwemmungen immer und immer wieder zu einem Land der Not und des Verderbens gemacht hat. Erst seit Mitte des 19.Jahrhunderts und über hundert Jahre später, Ende der fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts, konnte mit umfangreichen Flussregulierungen wirksam drohenden Katastrophen vorgebeugt werden.

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